Einen Regenbogen sehen

 

Es war ein wunderschöner Sommertag. Die Sonne schien schon den ganzen Tag fröhlich auf uns herab und nur ab und zu wehte eine kleine Brise. Gut gelaunt ging ich mit einer kleinen Gruppe 12 bis 14-Jähriger spazieren. Plötzlich sah ich in der Ferne ein buntes Band am Himmel leuchten. Ich blieb stehen und rief begeistert: „Schaut mal, ein Regenbogen!“

 

Doch die Anderen waren ohne mich weitergelaufen und hielten nun verwundert inne. Elias, ein etwas älterer Junge, lachte freudlos. „Hahaha! Ja, mach dich ruhig lustig über uns!“ Oh, verdammt! Wie hatte ich nur vergessen können, dass sie alle blind waren?! Da war ich ja eine tolle Praktikantin im Blindeninternat! Was stand nochmal in meiner Bewerbung? „Immer einfühlsam und äußerst taktvoll.“ Tja, hiermit hatte ich das Gegenteil bewiesen. „Aber ich... das war doch… gar nicht… so gemeint!“, stotterte ich wenig überzeugend. Nun wurde ich auch noch rot wie eine Tomate. Zum Glück konnten sie das nicht sehen. Moment mal… Freute ich mich etwa schon über ihre Blindheit? Jetzt reichte es! ‚Sylvie, ich verbiete dir, so etwas auch nur zu denken‘, befahl ich mir mit zusammengebissenen Zähnen.

 

Als ich wieder den Kopf hob, fragte mich die kleine Nina leise: „Wie sieht denn ein Regenbogen aus?“ Na ja, wie nun mal ein Regenbogen aussah. Ich überlegte: „Also, wenn keine Wolken davor sind, ist es eine Art riesiger Halbkreis am Himmel. Er besteht aus sechs verschiedenen leuchtenden Farben. Die erste Farbe ganz oben ist rot.“

 

Wie beschreibt man jemandem, der noch nie sehen konnte, die Farbe Rot?! Geht das überhaupt mit den restlichen vier Sinnen? Hören, fühlen, schmecken, riechen. Vielleicht auch mit einigen Gefühlen?

 

„Rot ist die Farbe der Liebe. Sie duftet wunderbar sanft wie eine Rose, die in liebevoller Zärtlichkeit geschenkt wurde, und schmeckt herrlich süß nach Sommer wie eine reife Erdbeere oder Kirsche. Doch Rot ist auch die Farbe der Wut. So unglaublich heiß wie ein gewaltiges knisterndes Feuer, aber auch so dumpf wie das Rauschen in euren Ohren, wenn euch etwas total aufregt.“ Vorsichtig linste ich zu den Anderen hinüber. Kein gelangweiltes oder fragendes Gesicht. Vielmehr schienen sie neugierig und abwartend. Anscheinend war meine Beschreibung gar nicht schlecht.

 

„Orange kommt als Nächstes darunter. Es ist eine sehr freundliche Farbe. Sie erinnert an eine leckere saftige Apfelsine und an den kräftig aromatischen Duft einer Mandarine. Erfrischend, als ob man sich spätabends bei einem wunderschönen Sonnenuntergang draußen auf einer Bank ausruhen würde. Doch auch so lebendig wie ein Goldfisch, der fröhlich in seinem Aquarium vor sich hin blubbert.“ Hoffentlich konnten sie damit überhaupt etwas anfangen. Etwas Einfacheres war mir allerdings so auf die Schnelle nicht eingefallen.

 

„Darauf folgt Gelb. Es ist die Farbe der Fröhlichkeit und des Lichts. Wie die ersten Sonnenstrahlen am Morgen, die euch an der Nase kitzeln, und fruchtig süßlich duftende Pfirsiche im Spätsommer. So unglaublich sauer, aber auch belebend wie eine reife Zitrone. Außerdem ist sie so seidig wie die wehenden Ähren auf dem Feld und hört sich an wie das lustige Quietschen von einem kleinen Quietscheentchen in der Badewanne.“ Ich kniff die Lippen zusammen, als ein leises Kichern ertönte. Also echt jetzt! Der Vergleich war doch wirklich originell und schlau gewesen. Darauf kam nicht jeder. Apropos schlau… „Gelb symbolisiert aber auch Intelligenz. Daher kommt auch die Redewendung, dass einem ein Licht aufgeht. Die meisten denken dann an eine aufleuchtende Glühbirne. Ja, ähm… falls ihr sowas kennt.“ Ganz ruhig! Einfach tief durchatmen und weitermachen.

 

„Grün ist die nächste Farbe. Sie schmeckt nach würzigen Kräutern, wie zum Beispiel Salbei oder Rosmarin. Zudem riecht sie frisch wie der Frühling, wenn die ganze Welt wieder neu zum Leben erwacht. Außerdem fühlt sie sich so seidig weich an wie das erste Gras nach einem langen Winter und klingt wie das Rascheln der Blätter an einem stürmischen Frühlingstag. Überhaupt ist fast alles in der Natur grün. Auch die Tannennadel. Weil die das einzig lebendig Grüne im Winter sind, ist sie die Farbe der Hoffnung. Aber sie steht gleichzeitig für Glück, denn ein vierblättriges Glückskleeblatt ist ebenfalls schön grün.“ Na, das hatte doch ganz gut geklappt. Weiter so!

 

„Als Nächstes folgt Blau. So lecker süß wie frisch gepflückte Blaubeeren aus dem Wald und sanft wie der ruhige Duft von zarten Veilchen. Für mich symbolisiert diese Farbe Freiheit, weil sie weit wie der unendliche wolkenlose Himmel ist. Außerdem ist sie so kühl, als ob Meereswasser am Strand eure Füße umspülen würde und klingt nach wildem Wellenrauschen bei einem starken Sturm. Doch Blau kann auch sehr ruhig und entspannend wie eine sich nur leicht kräuselnde Wasseroberfläche sein.“  Langsam kam ich richtig in Fahrt! Das war auch gut so, denn die letzte Farbe würde bestimmt nicht einfach werden.

 

„Als Letztes kommt Violett. Wie entspannender Lavendelduft und wunderbar süße Pflaumen. Diese Farbe ist eine Mischung aus Rot und Blau. Wie die Wolken am Morgen, wenn die Luft zwar von der Nacht noch kühl ist, aber schon von den ersten Sonnenstrahlen gewärmt wird. Im Alltag nennt man sie auch Lila. Viele Leute finden sie sehr modern und cool wie eine laut platzende Kaugummiblase.“ Eigentlich hatte ich noch nie einen lilafarbenen Kaugummi gesehen, aber darunter konnten sie sich wenigstens etwas vorstellen.

 

„All diese Farben zusammen sind ein Regenbogen. Ich mag ihn ganz besonders, weil er so wunderschön vielfältig und bunt wie das Leben ist.“ Es entstand eine lange Pause, in der jeder seinen eigenen Gedanken nachhing. Irgendwann tastete Nina, die nun direkt hinter mich getreten war, vorsichtig nach meiner Hand. Mit leiser zerbrechlicher Stimme flüsterte sie: „Danke, Sylvie! Jetzt können wir den Regenbogen tatsächlich sehen.“ Und so standen wir noch sehr lange. Mit geschlossenen Augen und einem glücklichen Lächeln auf jedem der strahlenden Gesichter. Denn obwohl der Regenbogen am Himmel schon längst verblasst war, leuchtete er in unseren Herzen stärker als je zuvor.